Jenseits der Stille - Neue Glocken für Eckartsweier

- 15.05.2026 - 

Britta Gerstenlauer hält sich die Ohren zu. Die Pfarrerin der Ev. Kirchengemeinde Sand und Eckartsweier beschreibt im Zoom-Gespräch den Klang von altem Stahl auf altem Stahl und zuckt zusammen. „Das klingt gar nicht gut.“ Die drei Glocken ihrer Kirche sind nicht nur wegen ihrer Misstöne verstummt. Stahl entwickelt sich etwa so wie menschliche Stimmen im Alter: brüchig, manchmal blechern, oft angekratzt. Der helle, reine, fröhliche Klang der Jugend verschwindet. Stählernes Glockenmaterial ermüdet wie alte Stimmbänder, der Glockenturm, die Aufhängung des Klöppels und die Fähigkeit des korrekten Schwingens werden instabil, lassen nach.

1922: Glockenweihe in Eckartsweier
Als die Pfarrerin den Glocken-Fachmann Prof. Dr. Michael Kaufmann aus dem Oberkirchenrat Baden um Begutachtung bittet, steht fest: Eine Reparatur ist nicht mehr sinnvoll. Auch eine Leihlösung kommt nicht in Frage. Im November 2025 wird das Geläut nicht nur wegen der schmerzenden Ohren, auch aus Sicherheitsgründen abgestellt. Seitdem herrscht ungewohnte Stille – am Totensonntag, an Weihnachten, an Ostern.
 
Das hält keiner lange aus, am wenigsten Britta Gerstenlauer und ihre Gemeinde. An Weihnachten wurde auf mp3-Player ausgewichen, aus der Konserve. Doch das ersetzt kein echtes Glockengeläut.
 
Auch Michael Kaufmann lässt die Situation nicht los. Er weiß von drei Glocken der entwidmeten evangelischen Kirche in Dogern im Landkreis Waldshut, die noch im Turm hängen und eventuell nach Rumänien ausquartiert werden sollen. Jetzt sind die bronzenen Kunstwerke für Eckartsweier reserviert. Sie klingen „wie der Himmel auf Erden“, schwärmt Britta Gerstenlauer. „Es klingt hell und weit, hoffnungsvoll – ein Klang, der Freude tragen und zugleich Trost schenken kann und Menschen innerlich berührt – unabhängig davon, wo er erklingt.“ Davon überzeugte sie sich mit dem Kirchengemeinderat und dem Gemeinderat dank einer Audiodatei im Vorfeld – ebenso wie Kirchenmusikdirektorin Carola Maute. „Das ist weit mehr als nur ein schönes, harmonisches Durgeläut. Wenn die Dogener unsere alten Glocken hören würden, fliegen denen die Ohren weg“, lacht Carola Maute. „Die klingen eher wie unter der Erde“. 
 
Für die Pfarrerin geht es deshalb um weit mehr als einen Austausch von Glocken. Ein Übergang an einen neuen Ort sei nicht nur ein materieller Erwerb, sondern habe eine spirituelle Bedeutung. „Glocken tragen Erinnerungen in sich – und zugleich öffnen sie den Raum für Neues.“ Was hier geschieht, sei ein Weitergeben von Geschichte, von Klangkultur und von geistlicher Tiefe.

Die neuen Glocken warten nun auf ihren Transport und ihre „Aufhängung“. Sie dürfen erst nach dem Wegzug der Störche aus Eckartsweier im August ihr neues Domizil im Turm beziehen. Die Bezahlung von 22.000 Euro, das entspricht dem Bronzewert und würdigt den wunderbaren Klang, ist kein Problem, dafür haben die ehrenamtlichen Fundraiser der Gemeinde gesorgt. "Es war uns sehr wichtig, nicht um den Preis zu verhandeln, denn Glocken sind „Ehrenstücke“."
 
Bald läuten sie wieder
Die Glocken- und Transport-Experten haben zügig reagiert und bereits an beiden Standorten alles genau vermessen und geplant. In Dogern muss wohl der Schallschutz abgebaut werden, in Eckartsweier ist das nicht nötig. Sie kennen sich bestens aus: Simon Westermann, der "Glocken-Schneider", wartet alle Glocken regelmäßig. Britta Gerstenlauer und ihrem Team steht ein Steinbildhauer zur Seite, der mit den alten Stahlglocken ein Denkmal beim Ehrenmal des Ortes gestalten wird. Zunächst werden die neuen Glocken in der Kirche gelagert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. „Unsere Kirchentür ist groß, da geht viel rein“, sagt Gerstenlauer.
 
Eine besondere Rolle beim Transport der Glocken übernimmt der ortsansässige Spediteur Hetzel Transporte, inzwischen mit Sitz in Kehl. Jürgen und Reiner Hetzel führen das Unternehmen heute – doch die Firmengeschichte reicht weit zurück: Bereits 1953 war Günter Hetzel beteiligt, als die damaligen Stahlglocken nach Eckartsweier kamen. Damals brachte Robert Lutz sie mit einem Pferdewagen zur Kirche – dem Fortbewegungsmittel jener Zeit.
Heute stehen moderne Transportmittel bereit: Mit einem Schwerlast-Lkw werden die neuen Glocken aus Dogern nach Eckartsweier gebracht. Günter Hetzel, inzwischen 91 Jahre alt, wird diesen besonderen Transport am Pfingstmontag (25. Mai 2026) persönlich begleiten – eine eindrucksvolle Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. Im August folgt dann der nächste Schritt: Mit Kran oder Hebebühne werden sie in den Himmel gehievt – dorthin, wo sie künftig den Klang des Dorfes prägen werden.
 
Britta Gerstenlauer rauft sich derweil noch die Haare – noch ist vieles zu organisieren, und der Zeitplan sportlich. Doch sie vertraut auf die Fachleute, die ihr zugesichert haben: Es wird gelingen. Alle Genehmigungen liegen vor, und sie ist dankbar für die kompetente Unterstützung aus vielen Richtungen. „Viele Menschen wirken im Hintergrund daran mit – mit Fachwissen, mit Engagement, mit Herzblut“, sagt sie dankbar. Große Unterstützung kam dabei aus der Gemeinde: vom Kirchengemeinderat und zahlreichen Ehrenamtlichen, der politischen Gemeinde Eckartsweier, von Ortsvorsteher Herrn Schäfer sowie den Ortschaftsräten. Diese Rückendeckung habe entscheidend dazu beigetragen, das Vorhaben entschlossen voranzubringen – mit dem Ziel, es noch in diesem Jahr zum frühestmöglichen Zeitpunkt umzusetzen.
 
Und vielleicht liegt genau darin das Besondere: Auch wenn das alte Geläut verstummt ist, bleibt die Sehnsucht nach seinem Klang – und die Hoffnung, dass er wieder hörbar wird, neu und doch vertraut. „Glocken sind schließlich nicht einfach ein Gegenstand, den man kauft“, betont Britta Gerstenlauer. „Sie sind Klang gewordene Geschichte – sie begleiten das Leben eines Dorfes.“
 
Unter dem Motto „So klingt Heimat“ verbindet sich dieses besondere Projekt mit der Identität vor Ort.
So klingt Heimat – gestern, heute und in Zukunft.
 
 
 
Text: Sabine Eigel (Interview) | Redaktion: Bezirksbeauftragte für Öffentlichkeitsarbeit