Im Gespräch mit ...

Menschen im Kirchenbezirk

Karin Kindle kommt ins Gespräch mit Menschen aus dem evangelischen Kirchenbezirk Ortenau und stellt sie sowie ihr Engagement für die evangelische Kirche in den Mittelpunkt. Dabei beleuchtet sie ihre persönlichen Wege, ihre Motivation und die Vielfalt kirchlicher Arbeit in der Ortenau.
 

JÜRGEN HAMMEL | Vorsitzender der Ortenausynode

 
In der Stiftskirche in Lahr hat die konstituierende Wahlsynode des Evangelischen Kirchenbezirks Ortenau stattgefunden. Im vergangenen Jahr wurde bei der Frühjahrssynode Jürgen Hammel zum Vorsitzenden der Ortenausynode gewählt und in diesem Jahr im Amt bestätigt. Mit ihm sprachen wir nach der Wahlsynode über die Zukunft der Kirche in der Ortenau und über die Ziele in der Legislaturperiode 2025 bis 2031.
 
Karin Kindle: Die Beteiligung der Wahlsynode in Lahr war erfreulicherweise sehr groß. Bedingt durch den Strategieprozess der Landeskirche „ekiba 2032 – Kirche. Zukunft. Gestalten“ wurden auch in der Ortenau gezielt Fusionen bei den Kirchengemeinden in Kooperationsräume angestrebt. Hatte diese Entwicklung Folgen für die kürzliche Wahlsynode?
Jürgen Hammel: Selbstverständlich sind dies zentrale Maßnahmen innerhalb unserer Zielgebung und Zukunftsthemen. Auf die Synode hatte dies keinen direkten Einfluss, wir dürfen uns weiterhin über 150 stimmberechtigte Synodale freuen. So ist es möglich, dass wir in einer breiten Basis arbeiten und diskutieren können. Der Fokus liegt bei aller Transformation und Reduktion auf der bewussten Begleitung der Menschen durch die Kirche. Dieses Ziel weiter zu verfolgen ist nur möglich, wenn weiterhin viele Gemeindeglieder, Hauptamtliche und Ehrenamtliche mitwirken und beteiligt sind. Die Sorge in den neuen Kooperationsräumen, dass durch Fusionen die Erreichbarkeit beziehungsweise die Kontaktaufnahme mit Pfarrämtern erschwert werden könnte, nehmen wir ernst und suchen nach ganz konkreten Lösungen.
 
Karin Kindle: Die Frühjahrssynode war eine klassische Wahlsynode, bei der alle Gremien des Kirchenparlaments gewählt wurden. Welche Aufgaben erwarten die gewählten Mitglieder in den kommenden sechs Jahren?
Jürgen Hammel: Strukturell wird es so sein, dass wir weiterhin an der Neuausrichtung in Vielfalt und Fokussierung des Kirchenbezirks arbeiten sowie an den Zukunftsthemen unserer Kooperationsräume und Gemeinden. Hierzu treffen wir uns regelmäßig monatlich in einer großen Leitungsrunde mit den Dekanen und ihren Stellvertretern und Stellvertreterinnen sowie im Ortenaukirchenrat. Meine beiden Stellvertreter Pfarrer Christian Meyer und Ralf Dirker bilden mit mir das Leitungsteam der Synode. Die Synode, die Leitungsgremien und die Menschen vor Ort in den Kooperationsräumen sind mitten drin an der Weiterentwicklung des Bezirks. Wichtig in dem Veränderungsprozess der Badischen Landeskirche sind unsere fünf Landessynodale aus der Ortenau, die unseren Kirchenbezirk vertreten. Sie vertreten immerhin zehn Prozent aller Mitglieder der Landeskirche. Auf Landes- wie auf Bezirksebene werden entscheidende, weiterführende Schritte zur gemeinsamen Gestaltung von Kirche festgelegt.
 
Karin Kindle: Können Sie Praxisbeispiele nennen, wie sich die Kirche neu ausrichten und positionieren möchte, auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext?
Jürgen Hammel: Dekan Rainer Becker hat in seiner Predigt zum Auftakt der Synode bereits den inhaltlichen Rahmen treffend umschrieben.  Mit dem Rückblick auf schon Erbrachtes wie die Festlegung von Kooperationsräumen, der Gebäudeampel, diverse Sparmaßnahmen und die Stärkung der Öffentlichkeitsarbeit betonte er für die neue Legislaturperiode weiter verlässliche Strukturen zu schaffen, die Verwaltung zu verschlanken und Kirche aktiv zu gestalten. Mir ist wichtig, dass wir Erzählkirche werden, dass Christinnen und Christen sichtbare Glaubens- und Erzählgemeinschaften sind. Beispielsweise sollen konkret die Familien- und Jugendarbeit, insbesondere die Initiative „Family Light“ als Leuchtturmprojekt, in den Mittelpunkt rücken wie auch zentrale Themen unseres Lebens, Geburt, Hochzeiten und Lebenspartnerschaften, Seelsorge und Tod. 
 
Karin Kindle: Kirche gerät, so der Eindruck, zunehmend in den Hintergrund. Denken Sie, dass die gewählte Strategie innerhalb des Prozesses Kirche wieder stärken kann?
Jürgen Hammel: Ja, ich bin der festen Überzeugung, dass unsere Kirche wirksam ist und sie Menschen ermöglicht, Halt und Orientierung zu finden.  Welche Institution bietet eine Begleitung von der Geburt bis zum Tod, mit ganz spezifischen Gesprächs- und Hilfsangeboten im großen Netzwerk von Kirche und Diakonie? Das ist die Kirche. Wir haben tatsächlich großen Redebedarf, Menschen müssen miteinander reden, um Veränderungen herbeizuführen. In den aktuellen unsicheren und oft als trostlos empfundenen Zeiten ist es umso wichtiger, dass wir Lust auf Kirche machen, Lust auf die biblischen Geschichten und die Erfahrungen, die die Menschen in jener Zeit gemacht haben. Und wir Menschen heute haben unsere eigenen Lebens- und Glaubensgeschichten, die es genauso verdienen, gehört zu werden. Kirche soll alle ansprechen, und die Kirche hat Antworten und Angebote. Beispielsweise werden heute Taufen im Freien oder am See angeboten, es gibt spezielle Veranstaltungen, die den Wünschen junger Erwachsener entsprechen. Kirche will sich weiter öffnen, die Menschen sollen gehört werden, und wir haben entsprechende Angebote beispielsweise bei der Erwachsenenbildung. Weiterhin sehen wir große Chancen im Bereich der Ökumene, in innovativen Gottesdienstformen, Freizeiten oder Projekten. Kirche soll mutig bleiben, Veränderungen zulassen und Altbewährtes bewahren.
 
Karin Kindle: Sie planen bereits die Synode für das Frühjahr 2027. Was steht im Mittelpunkt?
Jürgen Hammel: Bei der Frühjahrssynode im März 2027 wird es für alle Synodale gezielte Anregungen geben, um weiter Kraft zu schöpfen. Wir konnten für die Synode Johannes Warth gewinnen, den Ermutiger, wie er sich selbst bezeichnet.  In seinen Erlebnisvorträgen spricht er brisante Themen an, stößt aber gleichzeitig Veränderungsprozesse an, was hervorragend zu unserem Prozess in der Ortenau passt.
 
Die Wahlergebnisse und weitere Informationen zur Wahlsynode: https://evangelische-ortenau.de/
 
 

Beauftragung zur Diakon:in - Jugendarbeit im Fokus
Seit Oktober 2024 ist Vanessa Beck als Diakonin in der Kreuzgemeinde Lahr tätig, Diakon Hans-Christian Benner hat seinen Dienst im September 2024 in der Evangelischen Kirchengemeinde Friesenheim angetreten. 
Nun fand die offizielle Beauftragung in Lörrach im Februar in einem feierlichen Gottesdienst mit zehn weiteren Diakoninnen und Diakonen, statt. Damit verbunden ist die landeskirchenweite Beauftragung zur Wortverkündung, zur Erteilung von Religionsunterricht und Verwaltung der Sakramente. Zur Ausbildung eines Diakons, einer Diakonin, gehören klassischerweise das Studium der Religions- und Gemeindepädagogik mit Abschluss Bachelor. Beide haben zudem einen weiteren Bachelorabschluss im Fach in Sozialer Arbeit. Doch was hat sich für Vanessa Beck und Hans-Christian Benner seit ihrer Beauftragung zum bisherigen Berufsalltag verändert.
 
Karin Kindle: In einem früheren Gespräch anlässlich Ihrer Dienstantritte haben Sie über ihre Aufgaben und Tätigkeiten in ihren Gemeinden informiert. Welche konkreten Unterschiede gibt es seit der Beauftragung im Februar?
Vanessa Beck: Die Aufgabenfelder sind die gleichen geblieben. Nach dem Traineeprogramm, was zur Ausbildung einer Diakonin, eines Diakons, gehört, erfolgt die offizielle Beauftragung mit Beurkundung, die ermöglicht, im gesamten Gebiet der Badischen Landeskirche tätig zu sein. Es besteht somit eine quasi lebenslängliche Beauftragung solange man für die Landeskirche arbeitet. Besonders bedeutend war für mich der persönliche Segen, der im Gottesdienst zugesprochen wurde. Gefreut haben wir uns über die Teilnahme unseres Diakons Rainer Becker sowie von Gemeindemitgliedern beim Festakt.
Hans-Christian Benner: Dies kann ich nur bestätigen. Meine Arbeit und mein Stellenprofil haben sich nicht dadurch geändert. Inzwischen konnte ich meine Schwerpunkte in den Bereichen der Gemeindearbeit und meiner Tätigkeit in der Bezirksjugend Ortenau mit je einer halben Stelle vertiefen und arbeite in einem sehr guten Umfeld in der Gemeinde wie auch in der Bezirksjugend. Mittlerweile gebe ich zudem Religionsunterricht mit zwei Stunden in Friesenheim, und ich arbeite  immer wieder mit Vanessa Beck wie auch mit Dominik Thumulla von der Auferstehungsgemeinde Lahr in der Jugendarbeit zusammen.
 
Karin Kindle: Wie entwickelt sich die Jugendarbeit in Ihren Gemeinden, und welche Ziele verfolgen Sie?
Hans-Christian Benner: Hier ist der kürzliche gemeinsame Jugendgottesdienst in der Gärtnerei zu erwähnen, an dem rund 80 Jugendliche und einige Erwachsene teilgenommen haben. Die Jugendgottesdienste sollen weiterentwickelt werden. Im vergangenen Jahr war der gemeinsame Konfiball in Friesenheim ein großer Erfolg. Die Bezirksjugend veranstaltete ebenfalls im Januar 2026 den ersten Kirchenrave „Holy Rave“ mit drei DJs und einem Gottesdienst in der Offenburger Stadtkirche. Zum gemeinsam Programm im vergangenen Jahr gehörte der Besuch des Evangelischen Kirchentags in Hannover. Wir haben die Fahrt und die Unterkunft organisiert und auch gemeinsam mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen an Veranstaltungen teilgenommen. Auch die Planung und Organisation von Kinder- und Jugendfreizeiten gehören mit zu unseren Aufgaben.
Hans-Christian Benner: Kirche ist relevant der unterschiedlichsten Entwicklungen wegen. Der Beitrag der Diakonie mit all ihren Arbeitsfeldern, die vielfältigen Angebote der Gemeinden, die Gottesdienste- dies alles leistet insgesamt einen großen Dienst in der Gesellschaft sowie in der politischen Landschaft. Unsere Angebote für die jungen Menschen wie Jugendkreise, Konifunterricht, Jugendgottesdienste und Veranstaltungen der Bezirksjugend Ortenau bereichern deren Alltag und stellen gleichzeitig alternative Freizeitangebote zum Gewohnten dar. 
 
Vanessa Beck: Essenziell ist die Beziehungsarbeit mit Jugendlichen, ihnen zuhören, offen sein für deren Anliegen ihrer Lebenswelt. Da geht es häufig um private Themen und um deren engeres Umfeld. Bei älteren Jugendlichen wird auch politisch diskutiert wie beispielsweise das aktuelle Thema um die Wehrpflicht. Aber auch schon in Kindergärten und Schulen wird der Grundstein gelegt. Seit dem letzten Schuljahr unterrichte ich sechs Stunden in der Woche an der Grundschule in Friesenheim und Schuttern. Im ersten Jahr ohne den Religionsunterricht habe ich mich voll auf die Jugendarbeit in der Gemeinde konzentriert. Das neue Feld Schule konnte ich so entspannt angehen. Selbstverständlich ist Grundschulpädagogik anders zu bewerten als Jugendangebote, zu denen die jungen Menschen freiwillig kommen. Aber ich habe mich nun mit dem Schulalltag vertraut gemacht und kann behaupten, dass die meisten Kinder ihre Freude am Religionsunterricht haben. Mir bleibt festzustellen, dass wir Diakone und Diakoninnen alle fröhlich mit dabei und engagiert sind, das ist das Schöne und zugleich auch das Herausfordernde.
 
 

Himmlische Berufe - Diakon:in
Antonia Schnebel (20), Studentin der Religionspädagogik und Sozialen Arbeit, absolviert aktuell ihr Praxissemester in der evangelischen Auferstehungsgemeinde in Lahr. Hier darf sie das in die Praxis umsetzen, was sie in der Theorie an der Evangelischen Hochschule in Freiburg bereits erfahren hat. Mit Diakon Dominik Thumulla, verantwortlich für die Jugendarbeit in Lahr, hat sie einen Mentor gefunden, bei dem sie sich ausprobieren kann und in die verschiedensten Bereiche des gemeindlichen Lebens einen Einblick gewinnt.
 
Ihr sind Kirche und somit die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen durch ihr ehrenamtliches Engagement in ihrer Heimatgemeinde in Stuttgart-Degerloch bekannt. Aus diesem Grund entschied sich Antonia Schnebel nach dem Fachabitur zu einem FSJ im Bereich der Arbeit mit jungen Menschen. Danach war sie sich sicher, dass der Beruf der Diakonin all das bietet, was für sie ein Beruf beinhalten soll: „Wir haben mit den unterschiedlichsten Personengruppen Kontakt, vom Grundschulkind bis hin zum Ältestenkreis der Gemeinde; man kann keine Karriere machen, aber mich machen die Begegnungen und das breite Berufsfeld komplett glücklich, für mich ist es einfach der beste Job der Welt.“
Wenn die Grundschulkinder sie im Unterricht freudig begrüßen oder sie bei Jugendtreffs und Freizeiten ein direktes positives Feedback erhält, dann ist  Antonia Schnebel in ihrem Element.
 
Dass der Beruf ebenso viel Organisatorisches bedeutet, weiß Dominik Thumulla. Hier, so stellt er fest, sind nicht nur kreative Ideen erwünscht, sondern es gibt Gremienarbeit und die enge Zusammenarbeit mit den hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen, ganz aktuell die Bildung von Kooperationsräumen, was innerhalb der Badischen Landeskirche alle evangelischen Kirchengemeinden beschäftigt. Auch bei der Premiere der ersten „Kirche Kunterbunt“ durfte Antonia Schnebel im Gemeindezentrum Melanchthon aktiv werden. „Ein halber Tag für die ganze Familie wurde von uns gestaltet mit Stationen zum Toben, Kreativsein und Experimentieren, einer Andacht am Ende zum Thema Arche Noah mit einer losen Liturgie und mit einem gemeinsamen Essen zum Abschluss“, erzählt Diakon Thumulla und freut sich über die große Resonanz der teilnehmenden Familien.
 
Modern und zeitgemäß wird der Konfirmandenunterricht gestaltet. „Auswendiglernen gibt es nicht mehr, das Vater Unser beispielsweise wird durch das gemeinsame Beten und bedingt durch den Wunsch der Gruppenzugehörigkeit quasi von alleine mitgesprochen, und irgendwann können es die Jugendlichen ganz ohne Druck von außen“, weiß Thumulla.
Und das ist auch Antonia Schnebels Leidenschaft: Jugendarbeit kreativ mitgestalten, Fragen und Zweifel zuzulassen, den jungen Menschen zeigen, was Konfirmation, Glaube und schließlich Gemeinschaft und Gemeinde bedeuten. Kirche ist in allen Bereichen vor Ort, um den jungen Menschen Glaubensbegegnungen zu ermöglichen, sei dies in Jugendgottesdiensten, Jugendtreffs, Konficamp oder auch regelmäßig stattfindenden Konfitagen. “Als Diakonin und Diakon lernen wir die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen kennen und begleiten sie auf diesem ganz besonderen Lebensabschnitt“, stellen Antonia Schnebel und Dominik Thumulla fest.
 
 

Gottesdienste in Pflegeheimen
In fünf Pflegeheimen in Lahr bietet die evangelische Kreuzgemeinde Lahr Gottesdienste für Bewohnerinnen und Bewohner als wichtige spirituelle Unterstützung an. Hatten früher schon Diakone in Lahr die Aufgabe übernommen, so wurden mit der Gründung der Kreuzgemeinde die Gottesdienste in die Hände von Pfarrerinnen und Pfarrern gelegt. Für Frank Schleifer, Pfarrer der Johanneskirche Sulz, sind die Gottesdienste in den Pflegeheimen ein Schwerpunkt seines Berufsalltags. Warum gerade Gottesdienste eine Bereicherung für das Gemeinschaftsleben in Pflegeeinrichtungen darstellen, erläuterte Frank Schleifer im Pressegespräch.
 
Karin Kindle: Was ist das Besondere an den Gottesdiensten im Pflegeheim, und was sind die Unterschiede zum klassischen Gottesdienstangebot?
Frank Schleifer: Das sind mehrere Faktoren. Diese Gottesdienste haben einen geringen Zeitumfang mit circa einer halben Stunde, die Liturgie und der Inhalt der Predigten sind in einfacher Sprache, sodass auch demenziell erkrankte Menschen eine echte Teilhabe erfahren können. Auch richten wir uns nicht nach vorgegebenen Predigttexten. Der Inhalt der Predigten soll sich an der Lebenssituation der älteren Menschen ausrichten.
 
Karin Kindle: Wie ist die Resonanz? Gibt es direkte Rückmeldungen an Sie, oder wie erfahren Sie, ob die Teilnehmenden sich angesprochen fühlen?
Frank Schleifer: Im Laufe der Jahre bekommt man ein Gespür, was die Menschen benötigen und über was sie sich freuen. Gerade bei vertrauten Liedern und vertrauten Ritualen erlebe ich, wie dankbar die Menschen sind und ich spüre, wie verbunden sie mit ihrem Glauben sind und sich in der Gemeinschaft der Christen im gemeinsamen Gottesdienst wohlfühlen. Besonders wenn ich die Gesangbuchlieder mit der Gitarre begleite, sehe ich viele strahlende Gesichter. Auch das Vater Unser können fast alle auswendig mitbeten – selbst mit Demenz.
 
Karin Kindle: Wie kam es, dass Sie den Schwerpunkt Gottesdienste in Pflegeheimen übernommen haben?
Frank Schleifer: Als ich nach Lahr kam, hat es mir sehr eingeleuchtet. dass die jüngeren Kolleginnen und Kollegen sich vorzugsweise in der Arbeit mit Jugendlichen und Konfirmanden engagieren. Für mich war es dann eine logische Folge und sehr vorstellbar, mich in den Pflegeheimen mit Gottes Botschaft einzubringen. Die Menschen freuen sich so sehr, wenn wir zusammen Gottesdienst feiern, für viele Bewohner ist er das Highlight der Woche.
 
Karin Kindle: Wie viele Menschen besuchen die Gottesdienste?
Frank Schleifer: Oftmals haben wir mehr Besucherinnen und Besucher als in Gemeindegottesdiensten, häufig zwischen 30 und 50 Personen, manchmal auch Gäste beziehungsweise Angehörige der Bewohner. Auch den Einrichtungen sind die regelmäßigen Gottesdienste wichtig. Manche Häuser wie St. Maria oder St. Elisabeth haben im Speisesaal eigens einen Bereich als Kapelle eingerichtet. Das Pflegpersonal engagiert sich ebenfalls sehr und ermöglicht den Bewohnern den Gottesdienst, indem sie den Aufwand nicht scheuen, auch körperlich sehr eingeschränkte Menschen zum Gottesdienst zu bringen.
 
Karin Kindle: Es wird in der evangelischen Kirche häufig von Transformationsprozessen gesprochen, Kooperationsräume werden aus verschiedenen Gemeinden gebildet mit dem Ziel, Kirche wieder präsenter, sichtbarer zu machen.  Wie geht das einher mit der Gottesdienstform in Pflegeheimen?
Frank Schleifer: Ein Ziel innerhalb des angesprochenen Prozesses ist, dass Kirche zu den Menschen kommt. Dies haben wir mit den Gottesdiensten in Pflegeheimen quasi schon seit Jahrzehnten erfüllt. Für Kinder und Jugendliche existieren bereits Gottesdienstformen, die an anderen Orten stattfinden als nur in der Kirche ihrer Heimatgemeinde. Auch die Andacht „Feierabend mit Gott“ auf dem Landesgartenschaugelände hat seit der Landesgartenschau in Lahr Tradition. Hier treffen sich regelmäßig mittwochs Menschen, fast könnte man sagen, es ist eine eigene kleine Kirchengemeinde daraus entstanden. Die Gottesdienstform ähnelt der im Pflegeheim, zumindest in Länge und Liturgie. An diesem schönen Ort in Lahr mit einer besonderen Atmosphäre hat sich ein regelmäßiges und attraktives Angebot entwickelt mit der Unterstützung der gesamten Lahrer Pfarrerschaft. Häufig bereichern Chöre und Posaunenchöre musikalisch die Andacht. Ich kann sagen, mein Herz schlägt für jede Art von Gottesdienst, für die klassischen Gottesdienstformate wie auch für alternative Angebote.    
 

Kirchenwahlen 2025
Der erste Advent steht vor der Tür und mit ihm auch die bevorstehenden Kirchenwahlen in der Badischen Landeskirche. In den Kirchengemeinden kann bei Wahlversammlungen am 30. November gewählt werden. Es gibt auch die Möglichkeit der Briefwahl. Die Unterlagen sind in den jeweiligen Pfarrämtern erhältlich. Über die Herausforderungen der Kirchenwahlen und die Chancen für den evangelischen Kirchenbezirk Ortenau sprach Karin Kindle mit Dekan Rainer Becker.
 
Karin Kindle: Die Kirchenwahlen stehen bevor im Evangelischen Kirchenbezirk Ortenau. Wird die Wahl in allen Gemeinden stattfinden können? Welche Befugnisse und welche Pflichten hat der gewählte Kirchengemeinderat?
Dekan Rainer Becker: Wir freuen wir uns, dass in nahezu jeder Gemeinde eine Wahl stattfinden kann. Leider konnten in Rheinbischofsheim und Goldscheuer-Hohnhurst keine Kandidierenden gefunden werden.
Auch wenn in manchen Gemeinden lediglich die Sollzahlen bei den Kandidatinnen und Kandidaten erreicht wurden und die Wahl somit eine Bestätigungswahl ist, rufen wir die Gemeindeglieder auf, am ersten Advent von der Wahl Gebrauch zu machen und damit ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Mit ihrer Stimme entscheiden die Gemeindeglieder, welche Menschen in den sechs Folgejahren die Gemeinde gemeinsam mit den Hauptamtlichen leiten. Der Kirchengemeinderat arbeitet eng mit der Pfarrerin, dem Pfarrer und auch mit Diakoninnen und Diakonen zusammen. Dieses Ehrenamt hat einen hohen Stellenwert, denn die Mitglieder des Kirchengemeinderats haben bei der Führung der Gemeinde die gleiche Stimme wie die Hauptamtlichen.
 
Karin Kindle: Wer kann sich zur Wahl stellen, und welche Aufgaben haben Kirchengemeinderäte?
Dekan Rainer Becker: Rein formal können Jugendliche mit 16 Jahren bereits für das Ehrenamt kandidieren, ab 14 Jahren können Jugendliche an der Wahl teilnehmen und ihre Stimme abgeben. Thematisch sind die Aufgaben vielfältig. Dies reicht von Bereichen wie Gemeindeleben über die Kinder- und Jugendarbeit, kulturelle Angebote bis hin zu Diakonie und Seelsorge. Auch die Zusammenarbeit in Kooperationsräumen, Finanzen und Gebäude gehören mit zur Gemeindeleitung. Ferner kann man sich auch in die Ortenau- oder Landessynode und in den Bezirkskirchenrat wählen lassen. Beispielsweise haben wir aktuell 148 stimmberechtigte Vertreterinnen und Vertreter aus 50 Kirchengemeinden in der Ortenausynode.
 
Karin Kindle: Immer wieder liest man von Kooperationsräumen in der Ortenau ausgehend von ekiba 2032, dem Strategieprozess der Landeskirche in Baden. Wirkt sich dies auch auf die Kirchenwahlen aus?
Dekan Rainer Becker: Die evangelische Kirche in Baden stellt sich den Herausforderungen der gesellschaftlichen Veränderungen und gestaltet Kirche – auch im Blick auf die Zukunft. Dazu gehört die Zusammenarbeit mehrerer Gemeinden in einem Kooperationsraum. Damit ist es leichter möglich, Aufgaben zu bündeln, Schwerpunkte herauszuarbeiten und effizienteres Arbeiten zu ermöglichen – gerade in Zeiten finanzieller und personeller Herausforderungen. Manche Kirchengemeinden, wie beispielsweise Ettenheim, Mahlberg und Kippenheim-Schmieheim haben noch vor der Kirchenwahl beschlossen, zu einer Kirchengemeinde zu fusionieren. Dies hat bei den Wahlen zur Folge, dass weniger Kirchenälteste gewählt werden müssen, um das neue Leitungsgremium nicht zu groß werden zu lassen. Umso mehr benötigen wir Menschen, die das Ganze im Blick haben und sich mit Freude für die Belange ihrer Kirchengemeinde und deren Gemeindeglieder engagieren. Jeder kann sich mit seinen Möglichkeiten einbringen, Impulse setzen und mitgestalten. Mit der Teilnahme an der Wahl zeigen die Gemeindeglieder, dass ihnen die Zukunft ihrer Gemeinde am Herzen liegt. Sie stärken den Kirchenältesten den Rücken und zeigen den Kandidatinnen und Kandidaten, dass sie ihnen die wichtige Aufgabe auch zutrauen.
 
 

Am 1. Advent 2025 finden in der Evangelischen Landeskirche in Baden Kirchenwahlen statt. Im Evangelischen Kirchenbezirk Ortenau werden an diesem Tag ehrenamtliche Kirchenälteste gewählt werden. Stimmberechtigt sind alle evangelischen Kirchenmitglieder ab 14 Jahren. Bei den Kirchenwahlen am 30. November entscheiden die Mitglieder, wer ihre Gemeinde in den kommenden sechs Jahren leiten soll. Aber was beinhaltet dieses Amt, welche Pflichten und welche Befugnisse haben Kirchenälteste? Diese Fragen beantwortete Rosi Kienzler, langjährig engagierte Ehrenamtliche in der evangelischen Kirchengemeinde Friesenheim. Insgesamt treten acht Kandidatinnen und Kandidaten zur Wahl in Friesenheim an.
 
Karin Kindle: Sie sind seit 2007 Kirchenälteste im Kirchengemeinderat der Gemeinde Friesenheim. Was hat Sie dazu bewogen, was fasziniert Sie an diesem Amt?
Rosi Kienzler: Seit 18 Jahren bin ich in diesem Gremium tätig, nun kommt die vierte Runde, wenn ich gewählt werde im November. Ich kann sagen, dass ich nicht die bibeltreueste war, durch die Mitarbeit im Kirchengemeinderat aber zum Glaubensweg gefunden habe. Durch den Tod meines ersten Ehemannes tauchten viele Lebensfragen auf. Was ist meine Aufgabe, und wo geht mein Weg weiter?
 
Karin Kindle: Das heißt, dass die Mitarbeit im Kirchengemeinderat auch eine persönliche Bereicherung für Sie darstellt und nicht alleine die organisatorischen Abläufe einer Gemeinde im Fokus stehen.
Rosi Kienzler: Natürlich steht die Verantwortung für die Beratungen und Beschlüsse im Gremium im Mittelpunkt. Doch hat die Arbeit einen gehörigen Einfluss auf das persönliche Erleben, da der Glaube und das Christstein doch Voraussetzung sind für die erfolgreiche Arbeit in einer Gemeinde. Wir arbeiten eng mit dem Pfarrer und dem Diakon zusammen bei Themen wie Gemeindeleben, Kinder- und Jugendarbeit, Seelsorge oder bei kulturellen Angebote wie der Kirchenmusik. Bei unseren monatlichen Sitzungen stehen auch aktuell vor allem Kooperationen auf der Tagesordnung sowie Finanzen der Kirchengemeinde und deren Gebäudebestand.
 
Karin Kindle: Hat jeder und jede Älteste einen besonderen Schwerpunkt bei den doch umfangreichen Themen?
Rosi Kienzler: Man kann sich austoben bei uns. Seelsorgerliche Themen, Mitgestaltung von Gottesdiensten, Mitwirkung bei Gemeindefesten, Pfarramtsfragen und Organisation, Bausachen, Handwerk, Renovierung bieten eine große Vielfalt, bei der sich jeder finden kann.
 
Karin Kindle: Und was liegt Ihnen besonders am Herzen?
Rosi Kienzler: Durch die Leitung der ökumenischen Trauerbegleitung Friesenheim, der Vorstandsmitarbeit im Hospizverein und auch durch meine Arbeit am Traumazentrum in Durbach stehen für mich die Seelsorge und Fürsorge und kooperatives Miteinander schon ganz oben. Unseren Kindergarten als Lebensraum unserer Kleinsten in der Gemeinde immer wieder neu zu beleben, Eltern auf diesem Weg mitzunehmen, das ist eine der wichtigen Aufgaben unserer Kirchengemeinde. Menschen auf dem Weg mit Gottes Segen zu begleiten, Kirche neu denken, kreativ bleiben, mit dem was da ist Neues gestalten, das sind unsere Themenfelder.
Wenn Trauernde mich fragen, warum Gott das Leid und Leiden zulässt, dann hilft mir mein Glaube, andere Menschen zu begleiten, zu trösten und am Ende eines Gesprächs lässt sich meist eine gewisse Erleichterung bei den Gesprächspartnern spüren. Wir müssen uns immer wieder aufs Neue vergegenwärtigen, dass es eine Menschensache ist zu sterben. Und ich gebe weiter, dass Gott immer mit im Spiel ist. Ich fühle mich berufen, am richtigen Platz zu sein als Kirchenälteste und auch als Trauerbegleiterin. Ich denke, Gott hat mich durch mein Leid auf diesen Weg geführt. Und das Urvertrauen, das bei vielen schon in der Kindheit zerstört wurde, kann durch die Nähe zum Mitmenschen, mit Mitgefühl, einer Umarmung viel positive Energie entfesseln.
 
 
 

Der evangelische Kirchenbezirk Ortenau ist um einen Pfarrer reicher. In der Auferstehungsgemeinde Lahr betreut Pfarrer Grzegorz Kujawa als Pfarrer im Probedienst seit dem 1. März die Gemeinde. Der studierte Germanist, das Theologiestudium folgte später in Warschau, Berlin und in Straßburg, spricht voller Leidenschaft von seinem Beruf, den er als Berufung begreift. Bis zu seinem Wechsel nach Lahr war er als Vikar in Straßburg tätig. Er selbst beschreibt sich als Theologe, Germanist, Ehemann, Vater, Freund und Fürsprecher für den ökumenischen und interreligiösen Dialog. Der heute 50- Jährige stammt ursprünglich aus Westpolen und Berlin.
 
Karin Kindle: Sie können auf viele Stationen zurückblicken, interessante Orte und Tätigkeiten vor allem in größeren Städten. Was hat Sie ins beschauliche badische Lahr geführt?
Grzegorz Kujawa: Warum Baden? Vielleicht war es ein Zufall. Die Zielrichtung entstand durch herzliche Bekanntschaften, die aus dem Kreis des Friedensgebetes in Kehl, wo ich wohne, erwuchsen. Und die Mentalität in Baden kommt mir entgegen, das Essen, der Genuss, die Offenheit.
 
K. Kindle: Sie haben zunächst Germanistik studiert, bevor Sie sich der Theologie widmeten. Wie kam es zu diesem Entschluss?
Grzegorz Kujawa: Beim Studium der Germanistik liest man zwangsläufig auch theologische Texte. Das hat mich begeistert, auch vor dem Hintergrund für mein Interesse an alten Sprachen. Eine entscheidende Rolle hat die Theologin und Dichterin Dorothee Sölle gespielt. Die Idee der Geschwisterschaft ist sehr wichtig für mich, so wie sie von Dorothee Sölle beschrieben wird: Mit Jesus kam ein neuer Geist in die Welt, der verfeindete Menschen miteinander sprechen lehrt und zeigt, dass wir alle Geschwister sind.
 
K. Kindle: Wie beschreiben Sie Ihre theologische Ausrichtung, was hat Sie geprägt?
Grzegorz Kujawa: Theologisch hat mich die Erinnerung an das Schicksal der Flüchtlingsgemeinde mit deutscher, französischer, niederländischer und italienischer Herkunft in London geprägt, deren Gründer der polnische Reformator Johannes a Lasco war. Während des Studiums habe ich mich mit dem sonst wenig bekannten Reformator aus dem 16. Jahrhundert intensiv beschäftigt. Er betonte unter anderem die Verantwortung und Fürsorge gegenüber dem Fremden und Anderen, die sich aus dem Teilen von Brot und Wein beim Abendmahl ergeben.
 
K. Kindle: Wie beeinflusst das konkret ihre Gottesdienstgestaltung und die Gemeindearbeit?
Grzegorz Kujawa: Schwerpunkt in der Gemeindearbeit ist für mich der Leitsatz „Keiner lebt alleine“. Es liegt mir sehr am Herzen, dass der Gottesdienst keinen Event-Charakter hat, sondern als spirituelle Kraft- und Inspirationsquelle gepflegt wird, wo um Sehnsüchte, Deutungen und Visionen gerungen wird. Ein Ziel ist, junge Menschen und Familien für eine kleine Aufgabe zu gewinnen, damit sie ein aktiver Teil in der Gemeinschaft werden, beispielsweise durch die Übernahme oder auch das Verfassen von Gebeten oder Fürbitten. In meinen Gottesdienst gibt es immer einen Platz für Kinder. Hier können Menschen lernen, offen zu sein, Fragen zu stellen, wagen etwas zu sagen - in der Sprache, die sie sprechen. Kinder sollen sich anerkannt fühlen, und introvertierte oder schüchterne Kinder haben die Möglichkeit, sich zu öffnen. Das gilt ebenso für meine Besuche in den Kitas - da dürfen die Kinder auch mal auf ihre Stühlchen steigen, damit wir auf Augenhöhe miteinander sind. Vielen Kinder lieben Verkleiden. Ich habe ihnen schon einmal meinen Talar gegeben, und sie durften die anderen Kinder segnen.
 
K. Kindle: Nun sind sie erst seit kurzem in Lahr. Wie sind sie in Ihrer neuen Gemeinde angekommen, die sich mitten im Strategieprozess „ekiba 2032“ der Badischen Landeskirche befindet? 
Grzegorz Kujawa: Es ist eine schöne Herausforderung, ich mag Herausforderungen. In der Ortenau wurden bereits viele Forderungen der Landeskirche umgesetzt, beispielsweise mit der Bildung der Kooperationsräume im evangelischen Kirchenbezirk Ortenau. Ich schaue gerne über den Tellerrand hinaus und blicke in alle vier Himmelsrichtungen. Wir können so viel lernen von unseren Schwesternkirchen. In Skandinavien steht Teamarbeit über allem. Die christlichen Kirchen in Mittelosteuropa haben uns gelehrt, wie man ein totalitäres Regime ins Wanken bringen kann. Hier sei an die Messen auf der Werft in Danzig oder an die Friedensgebete in der Leipziger Nicolaikirche erinnert. In vielen Gemeinden in Frankreich oder Italien kochen und essen Gemeindeglieder häufig gemeinsam. Die Briten und Amerikaner bereichern ihre Gottesdienste mit Humor. Von den Juden können wir lernen, dass religiöse Identität nicht über Bord geworfen werden muss, und von den Muslimen können wir uns einiges abschauen bezüglich der Gastfreundschaft und Gebetspraxis.
 
K. Kindle: Kann die evangelische Kirche weiterhin in der Gesellschaft zu bestehen, hat sie die Voraussetzungen dazu?
Grzegorz Kujawa: Wir werden überstehen, denn in allen Zeiten haben die Menschen je nach Weltlage Kirche gesucht und dort Halt gefunden. Politische Predigen gehören zur Kirche, so wie Jesus auch politisch gepredigt hat. Ich denke, Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, haben häufig ein veraltetes Bild von Kirche. Biblische Traditionen und religiöse Fragen sollten so übersetzt werden, dass Menschen sie verstehen. Mein Wunsch ist, dass Gemeinschaften wachsen, denn diese braucht man zum Christsein. Und ich bin der festen Überzeugung, dass Kirche es schaffen kann - sonst wäre ich nicht hier. Um Hoffnung muss gerungen werden, wir müssen Zeichen setzten, aufmerksam und bedächtig sein, anders reden als die Masse. 
 
 
 

 
Man hätte es in einem einzigen Satz ausdrücken können: Der Weltflüchtlingstag, der in Kehl am 20. Juni 2025 stattfand, war ein Zeichen für Menschlichkeit und ein Gedenken an die zahlreichen Menschen, die auf der Flucht an den Außengrenzen Europas ihr Leben lassen mussten. Doch wird dies dem komplexen Thema Flucht und Migration nicht gerecht. Mit der Erklärung des Evangelischen Dekanats Ortenau vom 20. Juni 2025 positioniert sich die evangelische Ortenau und bezieht Stellung. Das Bibelwort „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40) führt in die Erklärung ein.
 
Zentraler Punkt ist, dass hinter jedem Fluchtschicksal ein Mensch steht: ein Gesicht, eine Geschichte, eine Hoffnung. Und so lautet das Bekenntnis des Kirchenbezirks Ortenau: Flüchtlinge sind keine Zahlen – sie sind unsere Nächsten. Im Gespräch mit Dekan Rainer Becker, Jan Mathis (Schuldekan und Vorsitzender des Ausschusses für Flüchtlingsarbeit) und Gabriella Balassa, (Kirchenbezirksbeauftragte für Flucht und Migration) erfuhr Karin Kindle die Hintergründe.
 
Karin Kindle: Zeitgleich zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni 2025 wurde die Erklärung des Evangelischen Kirchenbezirks Ortenau veröffentlicht. Wieso kommt diese genau zum jetzigen Zeitpunkt? Die Problematik besteht immerhin seit der ersten großen Flüchtlingswelle im Jahr 2015.
Jan Mathis: Schon damals hat die Badische Landeskirche reagiert und ein umfangreiches Maßnahmenpaket beschlossen, in dem Gelder für Hunderte von Projekten, ehrenamtliche Helferkreise, Sprachkurse, Möbel- und Kleiderkammern bereitgestellt wurden. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch der Ausschuss für Flüchtlingsarbeit gegründet, damals noch unter meinem Vorgänger Hans-Georg Dietrich, dessen Vorsitz ich jetzt inne habe. Mit Gabriella Balassa (Kirchenbezirksbeauftragte für Flucht und Migration), Pfarrerin Claudia Roloff (Leiterin der Erwachsenenbildung Ortenau) und weiteren Unterstützerinnen wird die Arbeit inzwischen nicht mehr von der Landeskirche finanziell unterstützt, aber durch das großartige Engagement der Mitarbeitenden gelingt es, Projekte wie den Weltflüchtlingstag, Ausstellungen, das Café International oder Erstorientierungskurse zu organisieren und die Förderung der Ehrenamtlichen zu begleiten.
 
K. Kindle: In der Erklärung betonen Sie, Nächstenliebe kennt keine Grenzen, und Sie sehen das Gebot der Nächstenliebe als eine Herausforderung an uns alle, über die Grenzen von Nationen und Kulturen hinweg.  
Dekan Rainer Becker: Ja, denn Nächstenliebe kennt keine politischen oder geografischen Grenzen. Und wie wir es formuliert haben: Sie verpflichtet uns, für die Würde aller Menschen einzutreten. Stand 12. Juni 2025 sind 66.519 Menschen auf der Flucht an Europas Außengrenzen gestorben. Flüchtlinge sind keine Zahlen – sie haben ein Gesicht, sie haben Namen und sind unsere Nächsten.
Gabriella Balassa: Dies fand Ausdruck in Kehl als Mahnmal „Beim Namen nennen.“ Die Aktion stammt ursprünglich aus der Schweiz und klassischerweise wird dort oder auch hier in größeren Städten die sogenannte „List of Deaths“ öffentlich vorgetragen. Wir haben dieses Mal, der Weltflüchtlingstag fand bereits zum vierten Mal in Kehl statt, die Namen an der Außenfassade der Friedenskirche angebracht, indem diese auf Stoffstreifen geschrieben wurden mit der Todesursache und dem Ort des Begräbnisses, soweit es bekannt war. So werden die einzelnen Schicksale sichtbar und zum Zeichen gegen das Vergessen und Wegschauen.
 
K. Kindle: Sie sind Mitorganisatorin des Weltflüchtlingstags. Was denken Sie, hat die Menschen auf dem Marktplatz oder bei der Andacht beim Weltflüchtlingstag in Kehl am meisten beeindruckt?
Gabriella Balassa: Geflüchtete kamen zu Wort und berichteten ihre Fluchtgeschichten und erzählten, wie sie in Deutschland eine Zukunft gefunden haben. Positiv war, dass Vertreterinnen und Vertreter der evangelischen, katholischen, DITIB- und arabischen Gemeinde zu einer interreligiösen Andacht abends in der Friedenskirche zusammen kamen. Gemeinsam wurde der Menschen gedacht, die auf der Flucht ihr Leben verloren haben. Besonders war der Ausklang mit einem Konzert der Band“ The Worlderers“ aus Lahr, deren Bandmitglieder allesamt Fluchterfahrungen gemacht haben. Mit Liedern ihrer Heimat und Instrumenten aus den Heimatländern war zu spüren, dass hinter jedem Flüchtlingsschicksal ein Mensch mit Würde und Stimme steht.
Dekan Rainer Becker: Mich haben die eindrücklichen Berichte der Geflüchteten berührt wie beispielsweise der eines jungen Mannes aus Syrien, der 2015 mit seiner Frau schwimmend ans griechische Festland kam. Heute kann er sagen, er lebt in Sicherheit. Nach seinem Studium an der Evangelischen Hochschule in Freiburg unterstützt er als Sozialarbeiter geflüchtete Menschen.
Jan Mathis: Ich würde gern darauf hinweisen, dass die Drittstaatenregelung im Grunde gar keine legale Möglichkeit bietet, in Deutschland selbst Asyl zu beantragen. Wir fordern die politisch Verantwortlichen auf, das Asylrecht so zu gestalten und zu praktizieren, dass Menschen, die Schutz vor Krieg, Not und Verfolgung suchen, nicht abgewiesen werden, sondern in jeder Hinsicht die nötige Unterstützung finden. Die Rücküberstellung von Geflüchteten aus Deutschland in diejenigen EU-Länder, über die sie eingereist sind, ist hochproblematisch: Geflüchtete werden in diesen Ländern, offensichtlich zur Abschreckung, oft in einer Weise untergebracht und behandelt, die man als menschenunwürdig bezeichnen muss. Uns geht es gerade darum, dass Menschen, welche Schutz suchen, menschenwürdig behandelt und nicht potentiell kriminalisiert werden. Und genau dies geschieht gegenwärtig leider durch innenpolitische Maßnahmen – und auch in Teilen der medialen Berichterstattung.  
Dekan Rainer Becker: Geflüchtete Menschen haben, wie wir sie erleben, großes Interesse, sich hier zu integrieren und möchten sich in die Gesellschaft einbringen. Unser urchristlicher Auftrag ist die Botschaft der Offenheit, der Gastfreundschaft und der Solidarität, auch in schwierigen politischen Zeiten. Deshalb fordern wir in unserer Erklärung die politisch Verantwortlichen auf, das Asylrecht so zu gestalten und zu praktizieren, dass Menschen, die Schutz vor Krieg, Not und Verfolgung suchen, nicht abgewiesen werden, sondern in jeder Hinsicht die nötige Unterstützung finden. Wir treten aktiv für eine humane Flüchtlingspolitik ein.
Jan Mathis: Und bezüglich der geltenden Genfer Flüchtlingskonvention muss man feststellen, dass mit dem Wandel der Migrationsursachen wie beispielsweise dem Klimawandel auch die Relevanz der Konvention in Frage gestellt werden muss. Diese wurde zwar nach dem  Zweiten Weltkrieg erweitert, die praktische Umsetzung ist dem aktuellen Fluchtgeschehen nicht angepasst.  
Gabriella Balassa: Abschließend möchte ich hinzufügen, dass die Aussetzung des Familiennachzugs ein schwerer, politscher Fehler ist. Familien gehören zusammen, so der Leitsatz der Diakonie. Wir erleben Menschen, die sich angestrengt haben, eine Arbeitsstelle und eine Wohnung zu finden, die Voraussetzungen, die es braucht, um die Familie wieder zusammenzuführen. Diese Trennung von Ehepartnern oder Eltern und Kinder hat oftmals psychische Folgen und kann sich so negativ auf die Integration auswirken.
 
Weitere Informationen: Der Weltflüchtlingstag am 20. Juni in Kehl wurde gemeinsam veranstaltet von der evangelischen Kirchengemeinde Kehl, der Evangelischen Erwachsenenbildung Ortenau, dem Diakonischen Werk, der Katholischen Kirchengemeinde Kehl und der Kehler Flüchtlingshilfe. Die Erklärung des Evangelischen Dekanats Ortenau wurde auf der Homepage des Bezirks veröffentlicht: Weltflüchtlingstag 2025 | Erklärung des Evangelischen Dekanats in der Ortenau
 
 

Jule Becker zu Besuch bei den Uros auf dem Titicacasee (Peru)
 
Was bewegt einen jungen Menschen zum Theologiestudium? Diese und andere Fragen haben wir der frisch gebackenen Theologin Jule Becker gestellt, die erfolgreich im Mai ihr Examen absolviert hat. Pfarrerin ist sie aber deshalb noch lange nicht. In einem Gespräch mit Karin Kindle ergab sich viel Wissenswertes und Spannendes rund um die Theologie, Glaubens- und Lebensfragen und die Faszination anderer Länder und Kulturen.
 
Karin Kindle: Ihr Lebenslauf liest sich so interessant wie ein Reisebericht einer Forscherin, die sucht und findet. Wie begann denn Ihre Suche beziehungsweise wohin führte sie nach dem Schulabschluss?

Jule Becker: Ich hatte zwei Optionen - entweder das Medizinstudium oder die Theologie. Mich interessiert der Mensch und wie man ihn unterstützen, ihm helfen kann. Das war mein Fokus. Schließlich bekam der seelsorgerliche Aspekt mehr Gewicht - und so fiel die Entscheidung auf das Studium der Theologie. Und das fern der Heimat. Während meines FSJ in Peru war ich auch in Bolivien in der Salzwüste Salar de Uyuni, bei der faszinierenden Kakteeninsel Incahuasi. Dort sagte mein Inneres: "Theologie – das ist es!" Außerdem haben mich Glaubens- und Lebensfragen schon immer fasziniert – ebenso wie alte Sprachen.
 
K. Kindle: Ihr Vater ist Dekan im Evangelischen Kirchenbezirk Ortenau. Welche Rolle spielte er bei Ihrer Entscheidung?
 
Jule Becker: Natürlich beeinflusst das Elternhaus, aber es war nicht entscheidend für mich. Und selbstverständlich gibt es heute am Küchentisch theologische Gespräche und Diskurse. Die Kirche steht vor großen Veränderungen – neue Mitgliedschaftsuntersuchungen können verunsichern, doch aus Krisen entstehen auch Chancen. Glaube war nie nur da, wo alles stabil war. Im babylonischen Exil, einer der tiefsten Krisen biblischer Geschichte, ist die Frage „Wo ist Gott?“ nie verstummt – sie wurde zum Ausgangspunkt für etwas Neues. Ich glaube: Kirche bleibt wichtig – wenn sie den Mut hat, sich ehrlich zu fragen, wer sie heute sein will.
 
K. Kindle: War Südamerika ein Traumziel für Sie?
 
Jule Becker: Nein, ursprünglich wollte ich das FSJ in einem englischsprachigen Land machen.
Peru war eher ein Zufall.
 
K. Kindle: Wie es scheint, genau das Richtige. Sie haben nicht nur Ihr FSJ dort abgeleistet, sondern waren auch während Ihres Studiums in Südamerika.
 
Jule Becker: Nach dem FSJ in Peru begann ich mein Studium an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau, eher untypisch, denn der klassische Theologiestudent schreibt sich in Heidelberg ein. Als Dorfkind, aufgewachsen in Wertheim, dann in Schmieheim, sprach mich das familiäre Umfeld an. Und man konnte hier in Ruhe studieren. Leider fielen dann die noch zu absolvierenden Semester in Heidelberg und Tübingen genau in die Coronazeit, weshalb ich den Unialltag dort nicht kennenlernte.
 
K. Kindle: Im April 2022 führte Sie Ihr Weg nach Costa Rica...
 
Jule Becker: Mein Auslandsstudium konnte ich ebenfalls mit Onlineseminaren gestalten, allerdings ziemlich anspruchsvoll, da die Einheiten ausschließlich auf Spanisch angeboten wurden. Im April 2023 ergab sich die Gelegenheit, die Bürgerreise der Stadt Lahr in der Partnerstadt Alajuela zu begleiten. Zu jener Zeit war ich nebenbei ehrenamtlich als Deutschlehrerin am Liceo de Poás, der Partnerschule des Max-Planck-Gymnasiums, tätig.
 
K. Kindle: Gab es einen Studienschwerpunkt, der Sie bewog, wieder nach Südamerika beziehungsweise Mittelamerika zu gehen?
 
Jule Becker: Bei meinem ersten Aufenthalt spürte ich bereits das Wesentliche, was die Menschen in diesen Ländern benötigen. Deshalb habe ich Umweltprojekte mit betreut und die Freiwilligenhilfe vor Ort unterstützt. Persönlich interessiert mich das Alte Testament und mit zwei Aufenthalten in Israel hatte ich im Rahmen des Studiums die Möglichkeit, den theologischen Schwerpunkt „Biblische Archäologie“ hautnah zu erfahren.
 
K. Kindle: Was ist das Ziel der biblischen Archäologie?
 
Jule Becker: Im Allgemeinen die archäologische Erforschung von Israel und Palästina. Ich habe an der Ausgrabung der antiken Stadt Kinneret am See Genezareth mitgewirkt, die vermutlich im 8. Jahrhundert v. Chr. verlassen oder zerstört wurde. Freigelegt wurden dabei die Reste von zwei Wohnhäusern. Der Schwerpunkt der Ausgrabung lag auch auf der Analyse von Samen, Knochen und Keramik zur Erforschung von Alltag, Ernährung und Umweltbedingungen zur Zeit des Alten Testaments. 
 
K. Kindle: Nun haben Sie erfolgreich Ihr Studium abgeschlossen. Wohin führt Sie Ihr Weg? Werden Sie die klassische Gemeindepfarrerin?
 
Jule Becker (lacht): Nein, noch nicht. Ich werde für sechs Monate nach Costa Rica und Peru reisen, um dort Projekte auf den Weg zu bringen, die bereits im Prozess sind. Ich habe inzwischen eine peruanische und deutsche Familie, die peruanische bezeichnet mich als ihre peruanische Tochter. Meine Familie hier und die in Peru sind eng zusammengewachsen. Und ich bin überall zuhause, hier in Deutschland genauso wie in Costa Rica oder Peru. Wenn ich zurückkomme, beginne ich mein Vikariat, das mich nach zwei Jahren für den Pfarrerinnenberuf qualifiziert.
 
K. Kindle: Wäre es eine Option, hauptamtlich als Pfarrerin in Peru oder Costa Rica zu arbeiten?
 
Jule Becker: Eher nicht. Ich freue mich auf die Arbeit in einer Kirchengemeinde hier, bei den Menschen sein zu können, Impulse zu setzen, Kinder- und Jugendarbeit zu fördern und Gemeindeglieder bei den Übergängen im Leben zu begleiten. Außerdem bietet  Deutschland Vorteile, abgesehen vom Lebensstandard. Ein deutsches Gehalt ermöglicht meinen Patenkindern in Peru eine gute Schulbildung, und ich kann das gemeinsame Projekt mit meiner Gastfamilie finanziell unterstützen. Es wird ein Hilfszentrum für Familien in prekären Situationen entstehen, sodass die Kinder in gestärkten Familien aufwachsen dürfen und nicht in Kinderheimen. Bewundernswert ist natürlich die Mentalität der Menschen dort: „Pura vida“ und der ganz selbstverständliche Glaube. „Ein Gott schütze dich“ beim Abschied oder ein „Wenn Gott es will“ beeindruckt mich als Theologin sehr.
 
Info zur Person: Jule Becker, Jahrgang 1997, 2016 Abitur Heimschule Ettenheim, 2016/2017 FSJ Peru, Studium der Theologie in Neuendettelsau und Examen 2025, Auslandsaufenthalte/Auslandsstudium 2022/2023 in Costa Rica, Peru, Bolivien und Israel, ehrenamtliche Tätigkeiten: Deutschlehrerin in Costa Rica, Mitarbeit bei der Kirche im Europa Park, Jugendarbeit in Lahr, Begleitung einer Demenzgruppe.
 
 

 
Bei der Frühjahrssynode der evangelischen Kirche in der Ortenau wurde Jürgen Hammel zum Nachfolger des langjährigen Vorsitzenden Ulrich Fröhlich-Nohe gewählt. Der Bezirkssynode, dem Kirchenparlament der Ortenau, obliegt die Leitung der kirchlichen Belange und Themen im evangelischen Kirchenbezirk Ortenau.
 
Jürgen Hammels Aufgabe ist nicht nur die Leitung der Ortenausynode, die in der Regel zweimal jährlich tagt. 
Hier werden auch der Haushalt beraten und beschlossen, der Ortenaukirchenrat gewählt, Dekane und Schuldekane in ihr Amt gewählt und darüber hinaus Themen im Kirchenbezirk mit den zuständigen Dekanen und den Synodalen aus den Gemeinden diskutiert.
Gerade im aktuellen Reformprozess der Badischen Landeskirche ekiba 2032, der alle Kirchengemeinden beschäftigt, ist es die Aufgabe der Synode, den gemeinsamen Austausch zu unterstützen, um sich so gemeinsam auf den Weg zu machen. Einfach gesagt bedeutet dies die Neuausrichtung der Kirche.
 
Jürgen Hammel ist kein neues Gesicht in der Kirchenlandschaft der Ortenau. Vor sechs Jahren wurde er als Synodaler in den Ortenaukirchenrat gewählt. Als Synodaler vertrat er vor allem die diakonischen Themen, was aufgrund seiner Erfahrung nahelag. 2012 wurde er Leiter der Dienststellen des Diakonischen Werkes Kehl und Achern, zuvor war er 12 Jahre für das Altenhilfe-Dienstleistungszentrum Freiburg-Ost der Heiliggeistspitalstiftung in Freiburg verantwortlich. Seit 2017 leitet er das Seniorenzentrum Neuried der Evangelischen Heimstiftung Baden GmbH in Altenheim.
 
Wie er vom gelernten Landwirt in seiner Heimat Ravensburg zur Diakonie kam, ist schnell beantwortet: „Ich wollte mit Menschen arbeiten.“ Und so entschied er sich für das Studium der Sozialen Arbeit an der evangelischen Fachhochschule in Freiburg. Nach dem Studium war er in Freudenstadt als Sozialarbeiter in der Sozialberatung in einem Bildungszentrum für berufliche Qualifizierungsmaßnahmen tätig und absolvierte berufsbegleitend das Studium der Betriebswirtschaft an der Verwaltungsakademie in Offenburg. 
 
Schließlich ging er mit seiner Ehefrau nach Kehl-Auenheim, wo sie als Familie mit drei Kindern leben. Seit 2007 ist er dort Kirchengemeinderat und Mitglied der Bezirkssynode. An seinem neuen Amt schätzt er es besonders, Menschen zusammenzubringen und mit ihnen gemeinsam als Kirche unterwegs zu sein. Dabei seien Visionen wichtig: „Wir wollen über unsere Arbeit sprechen und das über die Synode hinaus, damit das Gesagte in die Fläche wirken kann.“ Jürgen Hammel zeichnet ein positives Bild der Kirche. Er findet Kirche einfach stark. Wenn man bedenkt, so Hammel, in wie viele Bereiche Kirche hineinwirkt, in der Arbeitswelt der zahlreichen diakonischen Betriebe und dem Diak. Werk, im Religionsunterricht, bei der Kirchenmusik,  der Jugendarbeit in der Bezirksjugend oder im Tourismus, bis hin in jede einzelne Kirchengemeinde, macht klar, dass Kirche vor Ort wirkt.
 
Ohne die Kirchensteuer wäre die großartige Arbeit der Mitarbeitenden in den Kindertagesstätten, in Schulen, Sozialstationen oder bei den Beratungseinrichtungen nicht möglich. Deshalb ist es auch Aufgabe der Bezirkssynode, aktuelle Themen zu bündeln und deutlich zu machen, wo der Bezirk steht und was es zu gestalten gibt. Dabei, so Hammel, sind die Bereiche der Verwaltung genauso zu betrachten wie die seelsorgerliche Seite mit Wortverkündigung und Gemeindearbeit.  „Es gibt noch immer die Menschen, die gerne in und für die Kirche arbeiten und wiederum Menschen, die sich dadurch angesprochen fühlen“, sagt Jürgen Hammel und denkt dabei an neue Gottesdienstformate wie Straßengottesdienste, Veranstaltungen der Kirchenmusik oder dem neuen Angebot „FamilyLight - lieben.lachen.leuchten“ für Familien.
Radwegekirchen, Lichterkirche und neue spirituelle Formate sind weitere Angebote, die vom klassischen Gemeindeangebot abweichen und sich inzwischen etabliert haben.
 
Nicht zu vergessen, so Hammel, die Krankenhaus- und Notfallseelsorge. Unterwegs sein ist eines der Schlagworte, die bei Jürgen Hammel öfter fallen. „Ist Jesus nicht auch unterwegs gewesen und zu den Menschen gekommen, um sie zu erreichen?“, fragt er. So kann Kirche fröhlich mit den Menschen unterwegs sein und die Menschen spüren, dass Kirche etwas zu sagen hat. Er spannt den Bogen zum Kirchenparlament, wo Haupt- und Ehrenamtliche gleichberechtigt auf Leitungsebene zusammenarbeiten und gemeinsam den Glauben und Werte in die Gesellschaft nach außen tragen.
 
Dass Jürgen Hammel kein leichtes Ehrenamt als Vorsitzender der Bezirkssynode angetreten hat, wird bei seinen Verpflichtungen in verschiedenen Gremien im Bezirk deutlich: leitende Dienstgruppensitzungen mit den Dekanen, die hauptamtlich den Kirchenbezirk leiten, Sitzungen des Ortenaukirchenrats, Treffen im Team des Vorsitzes, Präsenz bei kirchlichen, bezirklichen Veranstaltungen. Aktuell wirkt er aktiv mit beim Gestalten der neuen Kooperationsräume im Kirchenbezirk Ortenau: „Und das bedeutet keinesfalls einen Gemeindeabbau, sondern auch neue Chancen für Gemeindeaufbau, den wir mit neuem Leben gemeinsam füllen, ganz im Sinn von ekiba 2032; gemeinsam überlegen, schauen, wo Gutes weitergeführt und Neues entdeckt werden kann.“
 
Weitere Informationen: https://evangelische-ortenau.de/
 
 

 
Im September 2024 hat Hans-Christian Benner als Diakon die Nachfolge von Tabea Kern in Friesenheim angetreten. Mit einer halben Stelle ist er für die evangelische Kirchengemeinde Friesenheim tätig, die weiteren 50 Prozent ist für die Arbeit in der Bezirksjugend Ortenau.  
 
Aufgewachsen in Schwäbisch Hall hat er zunächst die Ausbildung zum Mechatroniker absolviert. Schließlich entschied er sich für das Studium an der Evangelischen Hochschule mit dem Doppelbachelor in Religionspädagogik/Gemeindediakonie und Soziale Arbeit. Schon in seiner Heimatgemeinde war ihm ehrenamtliches Engagement und die Mitwirkung wichtig. Nach fast neun Monaten in Friesenheim kann er zweifellos feststellen: „Ich bin überall gut aufgenommen worden und habe bereits viele Kontakte geknüpft, die unerlässlich sind für ein produktives Arbeiten.“ Netzwerken ist für Hans Benner selbstverständlich und für beide Stellen unerlässlich. Die Kombination aus Gemeindearbeit vor Ort und die Tätigkeit für die Bezirksjugend entsprechen seinem Profil.
 
„Ich bin sehr gerne unterwegs, was bei der Arbeit für die Bezirksjugend von Vorteil ist, und in Friesenheim ist die lokale Verwurzelung von großer Bedeutung“, betont er. Hier steht die Jugendarbeit der Gemeinde im Vordergrund.
Hans-Christian Benner betreut die Konfirmandenarbeit von der Anmeldung bis hin zum Konfirmandengespräch, der Konfirmation und auch darüber hinaus, wenn beispielsweise ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden ehrenamtlich mitarbeiten möchten wie bei der Jugendkreisleitung.
 
Im Jugendkreis wird gemeinsam gekocht, gespielt und Programm auf der Wiese bei der Kirche organisiert. Mit der Vakanz von Pfarrer Rainer Janus begleitet Benner den Kirchengemeinderat und weitere Gremien. Zudem fällt in das Aufgabengebiet eines Diakons der Religionsunterricht in der Grundschule. Der Startschuss ist somit für Hans-Christian Benner sein erster Schulgottesdienst, welcher das kommende Schuljahr einläutet.
 
Bei der Bezirksjugend sei im Unterschied zur Gemeindearbeit keine Woche wie die andere, betont Benner. Auch hier arbeitet er mit Konfirmanden. Dabei liegt der Fokus auf Schulungen für die zukünftig engagierten ehrenamtlichen Jugendlichen und die Durchführung von Freizeiten. „Abwechslung pur, immer wieder neue Themen wie beim kürzlichen deutschen Kirchentag in Hannover, den wir mit einer Gruppe besucht haben; für die jungen Menschen gab es jede Menge Angebote je nach Interesse, sodass sie selbständig unterwegs sein konnten und tolle Erlebnisse und Erfahrungen mit nach Hause nahmen“, stellte Benner fest.
 
Ein fester Bestandteil der diakonischen Arbeit besteht bei der Mitwirkung in diversen Gremien wie bei Landestreffen der Bezirksjugend und der Zusammenarbeit mit der politischen Gemeinde. Hans-Christian Benner blickt positiv in die Zukunft. Er betont, dass er vieles aus dem Blickwinkel der jungen Leute oder Familien betrachte. Hier brauche die Kirche teilweise andere Angebote, die Menschen sollten beteiligt werden und nicht lediglich Inhalte konsumieren.
 
Dabei gibt es bereits Gottesdienstformate, die vom klassischen Sonntagsdienst abweichen und somit ein erweitertes Angebot der Kirchengemeinden darstellt wie der Jugendgottesdienst am 23. Juli im Schwimmbad in Kippenheim mit dem Motto „Mood“ und noch im Mai das gemeinsame Projekt mit Pfarrerin Anna Schimmel beim Konfiball am 30. Mai. Hier können die Jugendlichen mit ihrem Konfi-Outfit Party machen bei Standardtänzen, Bar und Fotobox in der evangelischen Kirche in Ichenheim. Hans-Christian Benner bringt eine Menge Erfahrung auch in diesem Bereich mit, da er ehrenamtlich Raves in Freiburg mit großem Erfolg veranstaltet hat. Auf jeden Fall, so Benner, müsse die Angst vor Neuem in der Kirche überwunden werden, gerade auch im Hinblick auf den Strukturprozess der Landeskirche in Baden ekiba 2032.
 
Im evangelischen Kirchenbezirk Ortenau wurden etliche Anstrengungen unternommen und auch umgesetzt wie die Bildung von Kooperationsräumen innerhalb des Kirchenbezirks. „Am Ende der Fahnenstange bringt es nichts, Beobachter zu sein, auch wenn ich nicht alles toll finde; Ziel ist das gemeinsame Gestalten und Mitwirken aller Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen, um die Dinge sich bestmöglich entwickeln zu lassen.“
 
Weitere Informationen: https://evang-jugend-ortenau.de/
 
 

 
Schuldekan Jan Mathis hatte am 1. September 2024 die Nachfolge des langjährigen Schuldekans Hans-Georg Dietrich angetreten. Im Pressegespräch lässt er uns teilhaben an seinen Erfahrungen in den ersten neun Monaten seines Amts als Schuldekan in der Ortenau-Süd mit seiner Zuständigkeit für die Region Lahr und das Kinzigtal.
 
Karin Kindle: Herr Mathis, vor fast neun Monaten haben wir uns getroffen, um auf ihr bisheriges Wirken als Gemeindepfarrer, als Religionslehrer und als Referent des EKD-Zentrums für Gottesdienst- und Predigtkultur in Wittenberg zurückzublicken. Die Herausforderungen eine Schuldekans bedeuten wieder einmal einen neuen Schritt in Ihrer bemerkenswerten Biografie. Damals betonten Sie, es liege Ihnen besonders am Herzen, ein offenes Ohr für alle Beteiligten zu haben. Wie erlebten Sie die vergangenen Monate?
 
Jan Mathis: Es war, denke ich, ein gelungener Start, für den ich sehr dankbar bin. Die Zusammenarbeit mit den beiden Dekanen Rainer Becker und Oliver Wehrstein empfinde ich als sehr gut, Schuldekan Daniel Liske (Ortenau-Nord), mit dem es naturgemäß viele Berührungspunkte gibt, und ich sind in einem guten Miteinander, dazu haben wir ein tolles Team im Sekretariat. Und nicht zu vergessen Claudia Roloff, die Leiterin der Evangelischen Erwachsenenbildung in der Ortenau. Zudem war mir der Kirchenbezirk ja nicht fremd, und es ist sehr hilfreich, wenn man die Gegebenheiten, Strukturen, Personen und nicht zuletzt die Atmosphäre vor Ort schon kennt. Durch die günstigen Rahmenbedingungen ging die Einarbeitung in die verschiedenen Arbeitsbereiche recht schnell, und ich arbeite sehr gern in meinem neuen Arbeitsfeld.
 
K. Kindle: Was sind die Kernpunkte Ihrer Arbeit?
 
Jan Mathis: Derzeit läuft die Bedarfsplanung für das kommende Schuljahr, die auf einem guten Weg ist. Ich arbeite eng mit den Schulleitungen, den Religionslehrkräften und dem staatlichen Schulamt zusammen, um den evangelischen Religionsunterricht für die Schulen in meinem Zuständigkeitsbereich möglichst umfassend zu garantieren. Mancherorts ist die Personaldecke etwas dünn, da braucht es dann kreative Lösungen. Ich bin aber optimistisch, dass wir das gut hinkriegen werden. Ein zweiter Bereich sind die Unterrichtsbesuche mit unterschiedlichen Ausrichtungen. Es gibt beratende Besuche, etwa wenn eine staatliche Lehrkraft den Vocatio-Kurs absolviert, um zusätzlich zu ihren anderen Fächern künftig auch Evangelische Religion unterrichten zu dürfen. Junge staatliche Kolleginnen und Kollegen, die auch Evangelische Religion unterrichten, werden – das ist Voraussetzung für ihre Verbeamtung – zuvor noch einmal vom Schuldekan besucht und beurteilt. Hinzu kommen regelrechte Lehrproben, einerseits von Lehrvikarinnen und -vikaren im Rahmen ihres zweiten Examens, andererseits von Referendarinnen und Referendaren, die hier am Offenburger Seminar ausgebildet werden. Es war in allen Fällen sehr ermutigend zu sehen, wie motiviert und wie einfallsreich die Kolleginnen und Kollegen sind, die mir bei den genannten Gelegenheiten begegnet sind. Sehr schön war auch manches Nachgespräch zu diesen Unterrichtsbesuchen und Lehrproben, wenn die Situation der Beratung oder Prüfung sich in ein gemeinsames Nachdenken über Fragen des Unterrichts verwandelt hat, in ein offenes und kreatives Geben und Nehmen. Bereichernd ist auch der tiefere Einblick in die unterschiedlichen Schularten, den man als Schuldekan naturgemäß gewinnt. Besonders haben mich die SBBZ (Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren) beeindruckt mit ihren besonderen Herausforderungen ebenso die Fachkompetenz und Leidenschaft der dortigen Lehrkräfte.
 
K. Kindle: Als Schuldekan sind Sie qua Amt mit für die Leitung des Kirchenbezirks verantwortlich. Welche Herausforderungen erwarten Sie?
 
Jan Mathis: Ich bin Teil der großen Leitungsrunde unseres Kirchenbezirkes und gehöre nicht nur dem Ortenaukirchenrat, sondern auch noch manchem anderen Gremium an. Die große Herausforderung ist gegenwärtig der Strukturprozess ekiba 2032, wobei die Verantwortung an dieser Stelle klar bei den Dekanen Rainer Becker und Oliver Wehrstein liegt. Zu meinen Aufgaben gehören neben einem kleineren Deputat am IBG in Lahr die Verantwortung für den Ausschuss für Flüchtlingsarbeit (AFFA), die ich von meinem Vorgänger übernommen habe. Nicht zuletzt durch das Thema Flucht/Migration/Asyl bin ich eng verbunden ist mit der Evangelischen Erwachsenenbildung in der Ortenau. Und da sehe ich mit großem Respekt, was die Kolleginnen leisten – Claudia Roloff, die die EEB so souverän und innovativ leitet, und Gabriella Balassa, die hochkompetent und hochengagiert als Bezirksbeauftragte für Flucht und Migration arbeitet. Darüber hinaus bin ich verantwortlich für das Projekt „Evangelisches Profil stärken“, bei dem es darum geht, die pädagogischen Fachkräfte in evangelischen Kindertageseinrichtungen fortzubilden, damit diese gut vermitteln können, was es heißt, evangelisch zu sein – kindgerecht, sachgemäß und persönlich authentisch. Unsere Referentin Gabriele Hahnel leistet hier hervorragende Arbeit. Begleitet wird diese Arbeit durch einen „Runden Tisch“, den wir gerade wiederbeleben. Ab September übernehme ich dann noch die Vakanzvertretung in der Kirchengemeinde Haslach – ein schönes Déjà-vu, weil ich dort vor etlichen Jahren schon einmal für die Vakanzvertretung zuständig war, damals noch als Pfarrer in Gengenbach.
 
K. Kindle: Ihre Tätigkeitsfelder zeugen von einer großen Vielfalt und einem großen Verantwortungsbereich. Eine große Leidenschaft und Begeisterung für Ihren Beruf und für das Engagement im Kirchenbezirk Ortenau ist wohl die Voraussetzung, um das Amt erfolgreich auszuüben.
 
Jan Mathis: Ich versuche das kirchliche Leben in der Ortenau Kirche mitzugestalten – im Rahmen meiner Möglichkeiten, die natürlich immer begrenzt sind. Zum Beispiel haben wir begonnen, in einer kleinen Arbeitsgruppe über eine größere Pfarrkonferenz im kommenden Jahr nachzudenken. Diese Pfarrkonferenzen, gewissermaßen eine Verknüpfung von Bildungsreise und Teambuilding, hat es seit Corona nicht mehr gegeben – höchste Zeit, diese gute Tradition wieder aufzunehmen. Und jenseits der Ortenau bin ich seit einigen Jahren Teil eines kleinen Teams der EKD, das Prädikantinnen und Prädikanten für die rund 100 deutschen Auslandsgemeinden auf der ganzen Welt ausbildet. Das macht mir sehr viel Freude.
 
K. Kindle: Wie blicken Sie in die Zukunft?
 
Jan Mathis: Gelassen. Die Kolleginnen und Kollegen in der Ortenau erlebe ich als sehr motiviert, sehr kompetent und sehr erfahren. Und das Miteinander ist offen, freundlich und hilfsbereit. Das ist sehr schön. Dasselbe gilt für die Dienstgemeinschaft der Schuldekaninnen und -dekane. Und die religionspädagogischen Ansprechpartner im Karlsruher Oberkirchenrat stehen jederzeit mit Rat und Tat zur Verfügung – das ist gerade in der Phase der Einarbeitung Gold wert. Und ganz grundsätzlich gilt: Ich lasse mich nicht verrückt machen.