Erleben wir nicht gerade eine Karfreitagsstimmung in dieser Welt? So vieles scheint aus den Fugen zu sein. Wie gelangen wir zu österlicher Freude angesichts der vielen Unsicherheiten, die uns umtreiben? Und noch viel persönlicher: wie gelangen wir zu österlicher Freude, wenn wir selbst in unserem engsten Umfeld Trauriges erleben; wenn es immer wieder gilt, Abschied zu nehmen und den Schmerz der Trennung auszuhalten?
Sicherlich nicht, indem wir alle Angst, Schmerzen und Traurigkeit einfach verdrängen, verdrängten Schmerz mit Lustigkeit überspielen und falsche Freude hinausposaunen. Jesus zeichnet in seiner Abschiedsreden an seine Jüngerinnen und Jünger einen Weg auf, der von der Trauer zur Freude führt, indem er ein Bild verwendet.
Jede Frau, die ein Kind geboren hat, weiß, dass die Geburt eines Kindes genau durch diesen Wandlungsprozess von der Angst hin zur Freude bestimmt ist: Die Geburt eines Kindes ist begleitet von körperlichen Schmerzen und von der Angst um das neugeborene Leben. Aber das wandelt sich in Freude, wenn das neugeborene Kind in den Armen der Mutter liegt. So ging es auch seinen Jüngerinnen und Jüngern – und das zeigt Jesus als Weg für uns alle auf: ein Weg durch Abschiedsschmerz und Angst hindurch hin zur Freude, in der die Angst aufgehoben wird.
Diesen Weg gehen wir in unserem Glauben immer wieder, indem wir immer neu Ab-schied nehmen voller Schmerz und uns dann immer neu einlassen auf die Begegnung mit dem Auferstandenen. Es gibt keine Glaubenserlebnisse, die uns immerwährende Freude garantieren. Es gibt keine Glaubenserlebnisse, in denen wir uns einschließen können wie im Leib der Mutter. Immer neu müssen wir auf dem Weg unseres Glaubens entbunden werden, müssen wir Abschiede erleiden etwa von liebgewordenen Glaubensvorstellungen oder auch unserem Bild von Kirche.
Österliche Freude ist kein seliger Dauerzustand, denn immer wieder machen wir Erfahrungen, die uns traurig stimmen. Aber immer wieder können wir mit Jesus Christus den Weg durch unsere Traurigkeiten hindurch gehen, weil er selbst diesen Weg gegangen ist und uns nun an die Hand nimmt. Er führt uns durch das dunkle Tal und tröstet uns.
Und am Ende dieses Weges wartet der Auferstandene auf uns, wie er auf die Jünger wartete am Ostermorgen. Am Ende dieses Weges spüren wir eine Klarheit, die uns froh macht. Am Ende dieses Weges erschließen sich unserem Leben neue Perspektiven. Am Ende dieses Weges steht das Erkennen des Auferstandenen, steht das Staunen darüber, wie er uns heimlich und still begleitet hat durch alle Traurigkeit hindurch. Und am Ende dieses Weges wird dann auch einmal nach unserem Tod das Wiedersehen mit Jesus Christus stehen, der den Weg zum Leben an Ostern vorausgegangen ist.
Dietrich Bonhoeffer hat diese österliche Glaubensgewissheit in ein Glaubensbekenntnis gefasst: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“
Weil wir dies glauben, können wir getrost erwarten, was kommen mag. Denn wir sind von guten Mächten wunderbar geborgen und wissen, dass Gott bei uns ist am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Weil wir von dieser Gewissheit getragen sind, deshalb leben wir in einer österlichen Freude, die all unsere Traurigkeit verwandeln und die uns niemand nehmen kann.
Das Osterlicht ist kein Strahler, sondern das schwache Licht einer Kerze in der Dunkelheit. Es braucht Zeit, aber es bricht sich die Bahn und trotzt der Finsternis. Ein Funken nur, ein Aufblitzen von Gottes neuer Welt setzt in Bewegung. Wir können darauf vertrauen: Das Licht der Auferstehung, das Licht der Osterkerze, leuchtet uns voraus.
Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja.
Heike Springhart