Weltflüchtlingstag 2026: Zeichen für Menschenwürde und Erinnerung

- 22.06.2026 - 

Mit einem ökumenischen Gottesdienst, einem eindrücklichen Mahnmal und einem vielfältigen Begegnungsprogramm haben die Evangelische Landeskirche in Baden und die Katholische Erzdiözese Freiburg am Weltflüchtlingstag in Kehl ein starkes Zeichen für die Würde von Menschen auf der Flucht gesetzt.

Pfarrerin Claudia Roloff erinnert an die Tausenden von Menschen, die auf der Flucht gestorben sind.
Erzbischof Stephan Burger, Sozial-Bürgermeister Thomas Wuttke und Landesbischöfin Heike Springhart mit Mitarbeiterinnen vom Jugendmigrationsdienst der Diakonie Ortenau
Bereits am Nachmittag lud bei sommerlichen Temperaturen ein offenes Begegnungsprogramm auf dem Marktplatz zum Austausch ein. Vertreter:innen aus Kirche, Diakonie, Caritas, Initiativen und Politik kamen mit geflüchteten Menschen und Besucher:innen ins Gespräch. Musikalisch wurde der Nachmittag vom afrikanischen Chor Santa Maria gestaltet. In Gesprächen und Beiträgen wurden Fluchtursachen ebenso thematisiert wie persönliche Erfahrungen von Bruch und Neuanfang.
 
Kehls Sozialbürgermeister Thomas Wuttke fand deutliche Worte: Für viele beginnt mit der Flucht eine tiefgreifende Zäsur – ein Leben davor und danach. „Jeder war dabei nur auf der Suche nach Sicherheit“, lautete eine zentrale Botschaft.
Auch Themen wie Gewalt, Klimawandel und deren Zusammenhang mit Migration wurden aufgegriffen – verbunden mit dem Appell, Migration auch als Chance zu begreifen und gesellschaftlich verantwortungsvoll zu gestalten. Ehrenamtliche Projekte wie Sprachpatenschaften zeigten konkrete Wege gelebter Integration. Immer wieder stand die gemeinsame Haltung im Mittelpunkt: Menschlichkeit zu bewahren und hinzusehen – „unsere Pflicht, sie zu sehen“. Ein prägnanter Gedanke von Thomas Wuttke brachte es auf den Punkt: „In allen von uns steckt ein Flüchtling.“
 
In der von Sigrid Zweygart-Pérez moderierten Diskussion standen aktuelle Fragen rund um Flucht und Migration im Mittelpunkt. Landesbischöfin Heike Springhart und Erzbischof Stephan Burger setzten dabei bewusst auf Austausch statt auf klassische Stellungnahmen und machten deutlich, dass für sie die Unantastbarkeit der Menschenwürde der zentrale Maßstab kirchlichen Handelns bleibt.
Stephan Burger widersprach klar einer politischen oder gesellschaftlichen Gewöhnung an Grenzabschottung, Kontrolle und Ausgrenzung: „Mit dieser Entwicklung können und dürfen wir uns als Christen nicht abfinden.“ Beide kritisierten zudem, dass Menschen „nach Aussehen, nach Herkunft mit Verdacht belegt werden“ – ein „großer Verlust“ für die in Europa errungene Freiheit und das gewachsene Miteinander. Fluchtursachen, so die gemeinsame Einschätzung, ließen sich nicht durch Abschottung bekämpfen, sondern durch nachhaltige Unterstützung und Projektarbeit in den Herkunftsländern.
Zugleich unterstrich Erzbischof Burger die Verantwortung jedes Einzelnen: Jeder Mensch habe die Pflicht, sich für die Wahrung der Menschenwürde einzusetzen. Menschen auf der Flucht seien auf Solidarität angewiesen. Sein besonderer Dank galt den zahlreichen Ehrenamtlichen, deren Engagement eine klare Haltung und große Tatkraft erfordere. Kirche, so Burger, lebe entscheidend durch dieses ehrenamtliche Engagement in der Gesellschaft – verbunden mit der Aufforderung, sich nicht entmutigen zu lassen. Die meisten Menschen verließen ihre Heimat nicht freiwillig, sondern aus Zwang; „jedes Schicksal ist eines zu viel“. Ziel müsse es sein, Perspektiven zu schaffen – durch Hilfe zur Selbsthilfe und eine wirksame Bekämpfung von Fluchtursachen.
 
Heike Springhart schilderte ihre Eindrücke aus den USA als eindringliche Mahnung: „Keine Demokratie ist sicher davor, dass Hass und Hetze irgendwann regieren.“ Daraus ergebe sich auch ein klarer Auftrag für die Kirchen: öffentlich, praktisch und politisch Stellung zu beziehen, damit „unsere Gesellschaft hier nicht abstumpft und nicht gleichgültig wird“. Zugleich betonte sie: Es gehe immer um den einzelnen Menschen. Kirche, Diakonie und Caritas schenken konkrete Hoffnung und machen erfahrbar: „Wir leben hier miteinander.“ Eindrücklich berichtete sie von Gemeinden in den USA, in denen in Kirchen Pfeifen verteilt werden, um vor Razzien zu warnen.
Beide hoben hervor, dass der Glaube verbindet und über nationale Herkunft hinausweist. Dieses gemeinsame Verständnis wurde auch sichtbar im weiteren Verlauf des Tages, als sich Bischöfin und Erzbischof selbst am Mahnmal beteiligten und Namen von Verstorbenen auf Stoffstreifen schrieben.
 
Denn das Mahnmal an und in der Friedenskirche stand unter dem Motto „Beim Namen nennen“. Besucher:innen konnten in der Friedenskirche Namen von Geflüchteten auf Stoffstreifen schreiben und vorlesen. Diese wurden im Laufe des Tages und besonders im Gottesdienst verlesen und an der Kirche sowie im Kirchenraum angebracht. Das seit Jahren wachsende Mahnmal macht sichtbar, was hinter den Zahlen steht: einzelne Schicksale von Menschen, die auf der Flucht ihr Leben verloren haben.
Besonders betroffen machten dabei nicht nur die oft brutalen Todesumstände der Männer und Frauen, die auf der Suche nach einem besseren Leben ihre Heimat verlassen mussten, sondern auch ihr Alter: junge Menschen, teils noch nicht erwachsen, und kleine Kinder, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten.
 
Der ökumenische Gottesdienst um 18 Uhr mit Landesbischöfin Heike Springhart und Erzbischof Stephan Burger bildete den Abschluss des Tages. Gestaltet von Pfarrerin Claudia Roloff (EEB Ortenau) in Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen des Internationalen Friedensgebets und unterstützt von Menschen mit Fluchterfahrung, verband er eindrücklich Gedenken und Hoffnung.
In drei liturgischen Blöcken wurden Namen und Schicksale von Geflüchteten verlesen. Für die Verstorbenen wurde gemeinsam gebetet und gesungen. Die musikalische Gestaltung verlieh dem Gottesdienst dabei eine besondere Tiefe: An der Orgel spielte KMD Carola Maute, im Altarraum musizierte eine Band geflüchteter Musiker aus Kurdistan und dem Iran rund um die Sängerin Nirov Xelil, begleitet vom Santur-Spieler Reza Salavati. Ihre Musik verlieh den Erfahrungen von Flucht und Neuanfang eine eindringliche Stimme.
Ein besonders bedrückender Moment entstand am Ende der Liturgie: Die Besucher:innen traten nach vorn, um Stoffstreifen mit den Namen der Verstorbenen um den Altar und entlang der Wege aufzuhängen – viele mit Tränen in den Augen. So wurde das Gedenken zu einer gemeinsamen, sichtbaren Handlung.
Beide Bischöfe betonten in diesem Zusammenhang, dass die Verstorbenen nicht vergessen werden dürfen und sich niemand aus der Verantwortung stehlen könne. Geflüchtete dürften nicht als „Welle“, Masse oder Problem bezeichnet werden. „Hilfeleistung und Empathie müssen an oberster Stelle bleiben“, so ihre gemeinsame Botschaft.
 
Der Weltflüchtlingstag in Kehl machte deutlich: Hinter politischen Debatten stehen konkrete menschliche Schicksale – und die gemeinsame Aufgabe, ihnen mit Würde, Respekt und Menschlichkeit zu begegnen.