Abschied und Aufbruch in Kippenheim

- 10.08.2026 - 

Mit einem bewegenden Gottesdienst verabschiedete sich das Pfarrerehepaar Juliane und Martin Grüsser von der evangelischen Kirchengemeinde Kippenheim. Nach prägenden Jahren zwischen Pandemie, Gemeindefusion und Strukturwandel blicken beide dankbar zurück und starten nun in neue berufliche Aufgaben in Schule und Gefängnisseelsorge.

KIPPENHEIM.
Mit einem festlichen Gottesdienst in der Friedenskirche hat sich das Pfarrerehepaar Juliane und Martin Grüsser von der evangelischen Kirchengemeinde Kippenheim verabschiedet. Ende August endet ihre gemeinsame Zeit in der Gemeinde.
Martin Grüsser wechselt als Seelsorger an die Justizvollzugsanstalt Freiburg, Juliane Grüsser übernimmt einen Lehrauftrag für das Fach Religion an der St.-Landolin-Schule in Ettenheim sowie an der Emil-Dörle-Schule in Herbolzheim. Im Pressegespräch blickte das Ehepaar auf bewegte Jahre zurück und sprach über Herausforderungen, Abschied und Neuanfang.
 
PRESSE: Sie kamen 2021 – mitten im Strukturprozess „ekiba 2032“ der Badischen Landeskirche – nach Kippenheim. Im kommenden Jahr soll die neu vereinigte Kirchengemeinde im Südbezirk starten. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Juliane Grüsser: Es war tatsächlich ein Start unter besonderen Vorzeichen. Wir sind mitten in der Corona-Pandemie aus der Schweiz nach Kippenheim gekommen, aus einem Land, in dem vieles deutlich freier gehandhabt wurde als in Deutschland. Gleichzeitig stand die Fusion der Kirchengemeinden Kippenheim, Schmieheim und Wallburg noch bevor. Der Zusammenschluss trat schließlich zum 1. Januar 2024 in Kraft. Das war für viele Gemeindeglieder ein emotionaler Prozess – und auch für uns nicht immer einfach.
Martin Grüsser: Wenn mehrere tiefgreifende Veränderungen gleichzeitig auf eine Gemeinde treffen, ist das eine enorme Herausforderung. Pandemie, Gemeindefusion und der Strukturprozess der Landeskirche haben viele Menschen verunsichert. Gleichzeitig ist klar, dass die Reformen notwendig sind. Sinkende Mitgliederzahlen bedeuten geringere finanzielle Möglichkeiten mit Folgen für die Zahl der Kirchengebäude, Pfarrstellen und teilweise auch für soziale Angebote. Diese Realität lässt sich nicht ausblenden.
 
PRESSE: Ihr Abschiedsgottesdienst war sehr würdevoll und ausgesprochen gut besucht.
Martin Grüsser: Das hat uns tief bewegt. Die Kirche war voll, beide Kindergärten waren vertreten, der Posaunenchor gestaltete den Gottesdienst mit und viele Wegbegleiter wirkten mit, darunter Medea Frey, Pfarrrer Jörg Herbert, Pfarrerin Severine Plöse und Dekan Rainer Becker. Seine Worte haben uns sehr berührt. Er fand den richtigen Ton – sowohl für den Abschied als auch für unseren Neuanfang. Auch die Grußworte von Pfarrer Matthias Ibach von katholischer Seite sowie von der stellvertretenden Bürgermeisterin Carola Richter haben uns viel bedeutet.
Juliane Grüsser: Besonders eindrucksvoll war das Bild, das Dekan Becker gewählt hat. Er sprach von einer gepackten Wegzehrung für den neuen Lebensabschnitt und davon, dass die schweren Steine hierbleiben dürfen. Dieses Bild nehmen wir mit. Unser persönlicher Wahlspruch lautet: „Du kannst das Leben wagen, weil Gott es mitträgt.“ Nach dem Gottesdienst und einem Empfang bei der Friedenskirche sind wir tatsächlich mit großer Freude nach Hause gegangen. Dass auch unsere Kinder den Gottesdienst musikalisch mitgestaltet haben, war für uns ein ganz besonderes Geschenk.
 
PRESSE: Abschied fällt nie leicht, selbst wenn die vergangenen Jahre nicht immer einfach waren. Was werden Sie am meisten vermissen?
Juliane Grüsser: Vor allem die Menschen. Es sind viele wertvolle Beziehungen entstanden. Manche werden hoffentlich Bestand haben - so die Gruppe Erinnerungskultur. Deshalb haben wir uns sehr über die Grußworte von Jürgen Stude, dem Vorsitzenden des Fördervereins Ehemalige Synagoge Kippenheim, gefreut. Dieses ehrenamtliche Engagement werden wir auch künftig fortsetzen. Unsere drei Kinder haben sich hier ebenfalls sehr wohlgefühlt, nicht zuletzt an der St.-Landolin-Schule, wo sie eine wunderbare schulische Heimat gefunden haben.
 
PRESSE: Herr Grüsser, seit Dezember arbeiten Sie bereits mit einer halben Stelle als Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Freiburg. Ab September sind Sie dort in Vollzeit tätig. Welche Erfahrungen haben Sie bislang gesammelt?
Martin Grüsser: Die Seelsorge selbst ist für mich kein Neuland. Bereits zwischen 2015 und 2021 war ich in Davos auch als Krankenhausseelsorger tätig. Dennoch ist die Gefängnisseelsorge noch einmal eine ganz eigene Welt. Nach acht Monaten stehe ich noch am Anfang. Ein Kollege sagte einmal zu mir, man brauche etwa fünf Jahre, um wirklich in diesem Beruf anzukommen. Was mich besonders beeindruckt, ist die Offenheit vieler Inhaftierter. Es entstehen sehr ehrliche Gespräche. Gleichzeitig steht natürlich die Sicherheit jederzeit an erster Stelle.
 
PRESSE: Frau Grüsser, Sie verlassen den klassischen Gemeindedienst und wechseln vollständig in den Schuldienst.
Juliane Grüsser: Ja, und ich freue mich sehr darauf. Religionspädagogik war schon immer eine große Leidenschaft von mir. Ich arbeite gerne im Team und genieße den offenen, ökumenischen Geist an der St.-Landolin-Schule. Dort unterrichte ich Schülerinnen und Schüler bis zur Oberstufe. Für uns beide ist dieser Schritt etwas völlig Neues: Zum ersten Mal in unserem Berufsleben haben wir zwei unterschiedliche Arbeitsfelder. Bisher haben wir uns stets eine Pfarrstelle geteilt. Deshalb ist dieser Wechsel nicht nur beruflich, sondern auch privat ein echter Neuanfang, auf den wir uns mit Zuversicht freuen.
 
Text und Bild: Karin Kindle